Blutknappheit in der Coronakrise zeigt die Notwendigkeit sorgsamer mit Patientenblut umzugehen

05.05 2020

Der Bestand an Blutkonserven erreichte bei gewissen Blutgruppen zu Beginn der Coronakrise in der Schweiz einen kritischen Stand. Trotz Aufforderungen der WHO und des ECDC wird dem sorgsamen Umgang mit Blut in der Schweiz immer noch zu wenig Beachtung geschenkt. Dank eines erfolgreichen Spendenaufrufs konnte das Schlimmste vorerst abgewendet werden, aber wäre es nicht an der Zeit umzudenken?

Bei der öffentlichen Diskussion über die Knappheit von Desinfektionsmitteln, Gesichtsmasken und Schutzanzügen ging bisher vergessen, dass auch bei anderen medizinischen Ressourcen ein Mangel herrscht, insbesondere bei Blutkonserven. Viele Spenderinnen und Spender blieben zu Beginn der Krise aus Angst vor einer Ansteckung zu Hause, andere waren krank oder standen unter Quarantäne. Blutspende SRK Schweiz lancierte deshalb einen Spenderaufruf, was zusammen mit der Reduktion von planbaren Operationen erfreulicherweise zu einer Normalisierung der Lage geführt hat. Die Situation zeigt aber, wie rasch in der Schweiz die Blutkonserven knapp werden.

Andere Länder machten ähnliche Erfahrungen. Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) stellte deshalb Mitte März fest, dass zur Bewältigung der Coronakrise die Umsetzung des Patient Blood Managements (PBM) dringend zu empfehlen ist. Mit dem gut erforschten Konzept liegt ein ganzes Massnahmenbündel vor, welches den Bedarf an Blutkonserven erheblich reduzieren könnte. Dies belegen auch Beispiele aus der Schweiz. So senkte das Universitätssptial Zürich die Anzahl Bluttransfusionen während der letzten Jahre um über 40 Prozent. Dies ist umso erfreulicher, als dass eine Reduktion der Bluttransfusionen sich gemäss zahlreichen Studien auch positiv auf die Patientensicherheit auswirkt.

Bei vielen Schweizer Spitälern stösst Patient Blood Management auf grosses Interesse, wurde jedoch meist erst ansatzweise eingeführt, was in erster Linie mit der Komplexität der disziplinenübergreifenden Aufgaben zusammenhängt. Für die Vorbereitung auf allfällige weitere Infektionswellen von COVID-19 und für zukünftige Krisensituationen gilt es nun aber, diese Herausforderung in der Schweiz und international zu stemmen. Dazu fordert auch die WHO in ihrem Action Framework zur Versorgungssicherheit mit Blutkonserven auf.

Die Coronakrise ist ein Weckruf, mit Spender- und Patientenblut sparsamer umzugehen. Als Sofortmassnahmen hat eine Forschergruppe der International Foundation of Patient Blood Management (IFPBM) und der Society for the Advancement of Blood Management einen Fünf-Punkte-Plan erarbeitet, welcher vom Fachmagazin Anesthesia & Analgesia veröffentlicht wurde:

  1. Eisenmangel und Blutarmut sowohl bei medizinischen als auch bei chirurgischen Patienten identifizieren, bewerten und mit geeigneten pharmakologischen Mitteln behandeln.
  2. Vor, während und nach der Operation Gerinnungsprobleme identifizieren und rasch angehen.
  3. Anwendung aller wirksamen Blutkonservierungsmethoden sowohl bei medizinischen als auch bei chirurgischen Patienten.
  4. Sorgfältige Überwachung des Zustands der Patienten nach der Operation und rasches Eingreifen entweder durch interventionelle Radiologie und/oder Endoskopie bei unerwarteten Blutungen, je nach Quelle.
  5. Gründliche Information und Aufklärung von medizinischen Fachkräften, Patienten und ihren Pflegern über die Bedeutung von Patient Blood Management.

Die Motion von Nationalrat Christian Lohr (19.4491) lässt darauf schliessen, dass mittlerweile auch die Politik an einer raschen und flächendeckenden Implementierung von Patient Blood Management interessiert ist. Nun sind alle Akteure des Schweizer Gesundheitswesens gefordert, damit möglichst rasch die nötigen Grundlagen geschaffen werden können.

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