Patient Blood Management als integraler Bestandteil des neuen Swissmedic-Leitfadens zur Transfusionspraxis

10.08.2026

Am 1. Juni 2026 hat Swissmedic gemeinsam mit der Kantonsapothekervereinigung (KAV), der Vereinigung der Kantonsärztinnen und -ärzte der Schweiz (VKS), der Schweizerischen Vereinigung für Transfusionsmedizin (SVTM) und Blutspende SRK Schweiz die zweite, vollständig aktualisierte Version des Leitfadens zur Qualitätssicherung in der Transfusionspraxis veröffentlicht. Das Dokument definiert die in der Schweiz geltenden Rahmenbedingungen für transfundierende Institutionen und dient als Orientierungshilfe für den Aufbau und die Weiterentwicklung ihrer Prozesse.

Für die Alliance Rouge ist diese Neuauflage ein bedeutender Moment: Während Patient Blood Management (PBM) in der Erstausgabe des Leitfadens von 2017 nur als Randnotiz erwähnt war, hebt die neue Ausgabe PBM auf eine ganz andere Ebene: Das Konzept ist als Referenzrahmen für den Transfusionsentscheid etabliert – inklusive explizitem Verweis auf das Implementierungs-Manual der Alliance Rouge als massgebliche Fachgrundlage. Vier Themenfelder mit starkem PBM-Bezug stehen dabei im Fokus:

  • Indikationsstellung und Transfusionstrigger: Der Leitfaden hält fest, dass Transfusionen nur bei klarer klinischer Indikation und unter Berücksichtigung evidenzbasierter Transfusionstrigger erfolgen sollen. Restriktive Transfusionsstrategien werden explizit als Standard guter Praxis bekräftigt. Dementsprechend rücken Alternativen zur Transfusion und Massnahmen im Sinne des Patient Blood Management, wie beispielsweise die präoperative Anämie-Korrektur, stärker in den Vordergrund.
  • Rolle der Transfusionskommission: Die überarbeiteten Vorgaben zur Transfusionskommission stärken deren Funktion als steuerndes Organ der institutionellen Transfusionspolitik. Die Kommission soll nicht nur Reaktionen auf Zwischenfälle koordinieren, sondern aktiv Protokolle zur Transfusionsoptimierung entwickeln und überprüfen.
  • Praxisorientierte Checklisten: Eine wichtige Neuerung sind die neu integrierten Checklisten für prätransfusionelle Kontrollen. Diese unterstützen das Fachpersonal dabei, vor jeder Transfusion systematisch zu prüfen, ob eine Transfusion tatsächlich notwendig ist – und fördern so eine Kultur der kritischen Indikationsstellung.
  • Hämovigilanz und unerwünschte Ereignisse: Der Leitfaden enthält überarbeitete Vorgaben zum Umgang mit unerwünschten Ereignissen. Eine konsequente Hämovigilanz schafft die Datenbasis, um Transfusionspraktiken zu evaluieren und im Sinne von PBM kontinuierlich zu verbessern.

PBM verbessert die Behandlungsqualität und fördert die Beseitigung von Engpässen bei Blutprodukten

Die Qualitätsgewinne durch PBM sind vielfältig: kürzere Hospitalisierungen, weniger postoperative Komplikationen, geringere Infektionsraten, reduzierte Mortalität – und eine signifikante Entschärfung immunologischer Risiken, die mit Bluttransfusionen verbunden sind.

Der tiefere Bedarf an Blutprodukten hat aber noch weitere Vorteile. So gab es in jüngerer Vergangenheit immer wieder Berichte, dass der Verbrauchsanteil von Erythrozytenkonzentraten (EK) der Gruppe «RH1 (RhD) negativ» in der Schweiz die Prävalenz in der Allgemeinbevölkerung deutlich übersteigt. Namentlich bei der Blutgruppe «0 negativ», die aufgrund der fehlenden Antigene (A, B oder D) häufig als «Universalblut» eingesetzt wird, kommt es deshalb laut den Daten der Schweizer Blutspendedienste mehrmals pro Jahr zu Engpässen. Ein restriktives Transfusionsregime hilft mit, diese zu beseitigen.

Fazit: Ein wichtiger Schritt zur Harmonisierung und Professionalisierung der Transfusionspraxis

Qualität in der Transfusionsmedizin bedeutet, Transfusionen so sicher, so indiziert und so selten wie möglich durchzuführen. Die explizite Aufnahme von Patient Blood Management in den überarbeiteten Leitfaden ist aus Sicht der Alliance Rouge mehr als eine fachliche Empfehlung – sie ist ein regulatorisches Signal.

Institutionen, die ihre Transfusionsprozesse noch nicht an den Grundsätzen von PBM ausgerichtet haben, erhalten mit dem Leitfaden und den darin referenzierten Unterlagen der Alliance Rouge sowohl Orientierung als auch Verbindlichkeit. Für jene, die PBM bereits implementiert haben, bietet der Leitfaden eine willkommene Bestätigung und ein strukturiertes Prüfinstrument.

 

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