«Ein hervorragendes Beispiel für qualitätssteigernde Innovationen im Gesundheitswesen»

24.01 2021

Blut ist ein knappes Gut. Das zeigt sich ganz aktuell in der Coronakrise. Motiviert durch zwei nationale Gesundheitspreise, welche die Alliance Rouge 2020 entgegennehmen durfte, will sie sich auch im neuen Jahr für einen sorgsamen Umgang von Spender- und Patientenblut einsetzen. Insbesondere der Behandlung von Blutarmut und Eisenmangel vor einer Operation wird im Schweizer Gesundheitswesen nach Ansicht vieler Expertinnen und Experten noch zu wenig Beachtung geschenkt.

«Wer fit in den Operationssaal kommt, wird das Spital mit hoher Wahrscheinlichkeit auch früher wieder verlassen können», erklärt Hämatologe Behrouz Mansouri Taleghani vom Berner Inselspital die Logik hinter dem Konzept Patient Blood Management (siehe Infobox), für dessen flächendeckende Einführung sich die Alliance Rouge starkmacht. Das Konzept ist international auf dem Vormarsch, denn aktuelle Studien belegen: In Spitälern, die Patient Blood Management eingeführt haben, haben Patienten während und nach Operationen signifikant weniger Komplikationen, die Sterblichkeit ist tiefer, die Dauer der Hospitalisierung ist kürzer und der Verbrauch an Blutkonserven nimmt deutlich ab.

Positiver Beitrag während der Coronakrise

Die Reduktion des Fremdblutbedarfs und die kürzere Hospitalisierungsdauer können auch einen Beitrag zur Entlastung des Gesundheitssystems während nationaler Krisen, zum Beispiel der COVID-19-Pandemie, leisten. Wie bereits während der ersten Welle bewegt sich der Bestand an Blutkonserven bei gewissen Blutgruppen laut Blutspende SRK Schweiz auch jetzt wieder auf einem bedrohlich tiefen Niveau. Patient Blood Management kann helfen, diese Situation zu entschärfen. Zudem wirkt sich das Konzept dank der nachgewiesenermassen kürzeren Hospitalisierungsdauer bei planbaren Operationen auch positiv auf die Belegungssituation der Spitäler aus.

Pilotprojekt am Zuger Kantonsspital

Wie solche Erfolge konkret messbar gemacht werden können, zeigt die Alliance Rouge derzeit mit einem Pilotprojekt am Zuger Kantonsspital in Baar. «Die Herausforderung von Patient Blood Management ist, dass es ein interdisziplinäres Projekt ist, bei welchem verschiedene Kliniken involviert sind», erklärt Dr. Severin Urech, Chefarzt Anästhesie und Intensivmedizin am Zuger Kantonsspital. Deshalb habe man sich bei der Alliance Rouge Unterstützung geholt. Mitglieder des wissenschaftlichen Beirates der Alliance Rouge stehen dem Zuger Kantonsspital seither bei der Einführung von Patient Blood Management beratend zur Seite. Einen vertieften Einblick in diese Zusammenarbeit gibt das kürzlich veröffentlichte Projektvideo. Die öffentliche Auswertung dieses Pilotprojekts soll mithelfen, die Hürden für andere interessierte Schweizer Spitäler zu senken. Viele von ihnen sind bislang aufgrund der hohen Komplexität vor einer Einführung zurückgeschreckt. Dank der Alliance Rouge können sie künftig auf wissenschaftliche und praktische Unterstützung zählen.

Ausgezeichnet mit zwei Förderpreisen

Dass diese Unterstützungsarbeit allgemein geschätzt wird, konnte die Alliance Rouge 2020 mit zwei Förderpreisen beweisen. So kürte die Fachjury des Gesundheitsnetzwerks santeneXt die Alliance Rouge am 1. Oktober 2020 aus über 20 eingereichten Projekten zum Sieger. «Die Alliance Rouge hat die Jury insbesondere überzeugt, weil das Projekt einen mehrfachen Nutzen hat», sagt Jörg-Michael Rupp, Präsident Interpharma und Mitglied des santeneXt-Patronatskomitees. Patientinnen und Patienten profitierten von einer besseren Sicherheit. Spitäler könnten die Hospitalisierungsdauer senken. Und schliesslich würden der Allgemeinheit durch die Anwendung von Patient Blood Management weniger Kosten aufgebürdet. Dies sei ein hervorragendes Beispiel dafür, so Rupp weiter, dass Innovationen zur Kostensenkung und damit zu einem nachhaltigen Gesundheitswesen beitragen können.

Neben dem Preis von santeneXt durfte die Alliance Rouge im vierten Quartal auch einen Förderpreis der Stiftung Groupe Mutuel entgegennehmen. Die Groupe Mutuel hat die Initiative als notwendig erkannt – für ihre eigenen Versicherten, aber auch für das Gemeinwohl, wie sie in ihrem Blog schreibt.

Infobox | Die drei Säulen des Patient Blood Management

Säule 1 | Optimale Vorbereitung auf die Operation
Vor einer planbaren Operation (möglichst drei Wochen oder mehr) wird der Hämoglobin-Wert (Hb-Wert) und der Eisenstatus des Patienten bestimmt. Wird dabei eine Anämie oder ein Eisenmangel festgestellt, werden diese behandelt. Dabei können nebst Vitamin B12 und Folsäure-Präparaten auch Eiseninfusionen oder Epoietin alfa (EPO) zum Einsatz kommen.
Säule 2 | Minimierung des Blutverlusts
Das Operations-Team wendet beim Eingriff Techniken an, bei denen es möglichst wenig blutet. Blutungen werden zudem rasch gestillt und verlorenes Blut wird zurückgewonnen. Nach Möglichkeit wird die Blutgerinnung genauestens überwacht und gesteuert.
Säule 3 | Zurückhaltender Umgang mit Bluttransfusionen und Optimierung der Sauerstoffversorgung
Die Möglichkeiten eines Patienten, mit einer kurzfristigen Blutarmut umzugehen, sind weitaus besser als lange angenommen wurde. Deshalb werden beim Patient Blood Management Transfusionen nur zurückhaltend eingesetzt. Eine ausreichende Sauerstoffversorgung und die Vermeidung von Situationen mit einem hohen Sauerstoffbedarf helfen zusätzlich, Bluttransfusionen zu vermeiden.

 

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